2019 hörte ich das erste Mal vom Shikoku Henro, der traditionellen Pilgerrunde auf der japanischen Insel Shikoku. Diese Shikoku Pilgerreise und Fotografie sollten mein Leben für die nächsten Jahre prägen. 88 Tempel, über 1.200 Kilometer Pilgerweg, ein Weg, der seit dem 9. Jahrhundert begangen wird.
Ich war sofort fasziniert, nicht von der Herausforderung, sondern von der Idee, Japan so zu erleben: abseits der großen Metropolen, im Rhythmus eines alten Pfades, durch eine Landschaft mit stillen Bergen, rauer Küste, abgeschiedenen Tälern im Süden und dem pulsierenden Leben der Städte im Norden.
Für 2020 hatte ich alles geplant. Im Januar 2020 machte ich sogar ein Pilgerseminar, um mich vorzubereiten. Dann kam die Pandemie, dann kamen Umstände, die mich jahrelang aufhielten.
Mitte 2024 traf ich die Entscheidung: Im Februar 2025 fliege ich für vier Wochen hin und schaue, was passiert. In der Zwischenzeit konnte ich mich mit regelmäßigem Laufen und Wandern ein wenig vorbereiten. Aber wirklich wissen, ob es klappt, konnte ich vorher nicht.

Was passiert, wenn man einfach losfährt
Was passierte: Ich legte in vier Wochen rund 450 Kilometer zurück. Der Weg trug mich, buchstäblich.
Schon während dieser ersten Shikoku-Reise reifte der Entschluss, die Erfahrung in einem Buch zu verarbeiten, und gleichzeitig der Plan, zurückzukehren.
2026 dann sechs Wochen, diesmal um den Rest zu gehen. Insgesamt sind es jetzt 950 Kilometer, die ich bewältigt habe, überwiegend zu Fuß, gelegentlich mit Bus oder Bahn, und hin und wieder mit einer Mitfahrgelegenheit von einem Pilgerhelfer, was man im Geiste des Weges nicht ablehnen „darf“ und aus meiner Erfahrung auch gar nicht ablehnen will.
Die zweite Tour begann hart. In der ersten Woche schmerzte der Körper, und dann verlor ich meinen optischen Filter, das Werkzeug, das für meine fließende, abstrakte ICM-Fotografie eigentlich unerlässlich ist. Ich musste mit der Leica weiterarbeiten, mit anderen Blendenwerten, anders denken, die Lücke kreativ überbrücken, bis ein Ersatzfilter nachgeliefert werden konnte.
Im Rückblick war genau das ein Geschenk. Nach zwei Wochen war ich wieder im Rhythmus, aber mit einem anderen Bewusstsein: Nur weil ich etwas unbedingt will, muss es nicht erzwungen funktionieren.
Der Weg lehrt das Anpassen, die Rücksicht auf den eigenen Körper, das Zuhören. Wahrnehmung nach außen in die Landschaft und nach innen in die eigene Stille.

Shikoku Pilgerreise: 88 Tempel, vier Phasen, eine persönliche Routine
Der Shikoku Henro ist in vier spirituelle Phasen unterteilt, die den vier Präfekturen der Insel entsprechen: Tokushima (Erwachen), Kochi (Askese), Ehime (Erleuchtung) und Kagawa (Nirvana). Diese Struktur begleitet jeden Pilger, ob man ihr bewusst folgt oder nicht.
An jedem der 88 Tempel hatte ich von Beginn an meine eigene Routine: Zuerst Hände und Mund reinigen an der Reinigungsstation. Dann Kerze und Räucherstäbchen entzünden, einmal vor der Hauptgottheit des Tempels, einmal vor dem Schrein von Kobo Daishi, dem Mönch, dem der gesamte Pilgerweg gewidmet ist. Erst dann der Stempel im Pilgerheft. Und erst wenn das alles erledigt war, holte ich die Kamera heraus.
Das war keine vorgeschriebene Abfolge, sondern meine persönliche Haltung. Ich wollte erst im Tempel ankommen, in den Dialog kommen, spüren. Die Fotos entstanden aus diesem Moment heraus, nach dem Innehalten, nicht davor. Im Laufe der Wochen wurde diese Routine selbstverständlich, fast meditativ.
Ich merkte, dass sie meine Wahrnehmung schärfte:
Wer erst ankommt, bevor er fotografiert, sieht anders.

Wie ein Buch den Blick auf eine Reise verändert
Schon vor der zweiten Abreise hatte ich begonnen, am Buchprojekt zu arbeiten. Gemeinsam mit meinem Fotobuch-Berater Wolfgang Zurborn arbeitete ich das Bildmaterial der ersten Etappe durch, auf der Suche nach dem, was trägt und was der Weg als Ganzes erzählt.
In diesem Prozess entstand eine Idee, die uns beide überraschte: klassische Schwarzweißfotografie, dokumentarisch und klar, kombiniert mit meinen abstrakten, bewegten ICM-Aufnahmen. Wolfgang fand es stark. Und ich merkte schnell, dass ich diese Kombination wirklich zu meiner eigenen machen wollte. Die visuelle Spannung zwischen beiden Bildsprachen war sofort da: das Dokumentarische und das Fließende nebeneinander, der harte Weg und die innere Wahrnehmung davon. Beides stimmt, beides gehört zur Shikoku-Erfahrung.
Diese Entdeckung hat meine Aufmerksamkeit auf der zweiten Reise neu ausgerichtet und wird das Herzstück des Buches zur Shikoku Pilgerreise und Fotografie.
Es soll noch in diesem Jahr erscheinen.

Koyasan und der Friedhof, der einem die Sprache verschlägt
Am Ende der zweiten Tour stand Koyasan. Streng genommen gehört Koyasan nicht zur Shikoku-Pilgerreise selbst, aber traditionell schließen viele Pilger den Henro dort ab, am Berg, auf dem Kobo Daishi im 9. Jahrhundert den Shingon-Buddhismus begründete.
Die letzte Etappe: 26 Kilometer, 1.300 Höhenmeter, zum Glück nur mit Tagesrucksack. 😉
Was mich dort am stärksten berührt hat, war nicht der Aufstieg, sondern der Friedhof Okunoin. Japans größter Friedhof: über 200.000 Grabstätten, ein zwei Kilometer langer Weg durch einen alten Zedernwald, moosbewachsene Steine aus zehn Jahrhunderten, Laternen, Stille. Ab der inneren Brücke, dem heiligsten Bereich des Geländes, ist das Fotografieren verboten. Ich habe das respektiert, und ich sage das nicht als Pflichterfüllung: Dieser Ort verlangt es von selbst.
Man geht, und man geht, und irgendwann verliert man das Gefühl für Zeit. Ich fühlte mich plötzlich mit mir selbst im Einklang, mit meinen Vorfahren, mit sehr vielen Menschen auf einmal. Keine Aufgeregtheit, keine Ergriffenheit im dramatischen Sinne. Eher eine vollkommene Stille, in der alles seinen Platz hatte. Mir kommen noch heute die Tränen, wenn ich daran denke.
Einheit in der Vielfalt: 200.000 Grabstätten, jede anders, alle am gleichen Ort.

Die Ausstellung: Bilder aus den ersten beiden Phasen
Ab dem 22. Mai sind Arbeiten aus den ersten beiden Phasen dieser Shikoku-Pilgerreise und Fotografie in einer Ausstellung zu sehen. Die Bilder bleiben bis Ende August 2026.
Wer sehen möchte, wie das Zusammenspiel aus Schwarzweiß und ICM auf großem Format wirkt, ist herzlich eingeladen.
Vielleicht passt es ja sogar zeitlich und wir können uns vor Ort treffen? Schreibe mir einfach eine Nachricht!
Manche Wege brauchen Zeit.
Nicht weil man zögert, sondern weil man oder die Umstände noch nicht bereit sind.
Und wenn man dann tatsächlich geht, trägt einen genau das.
