Kolkata: Schleier des Lichts

Zehn Schwarz-Weiß-Fotografien über das Licht, das sich in den Ritzen einer Stadt verbirgt.

Schwarz-Weiß-Fotografien. Kolkata, Indien, 2023

Junge Menschen kleiden einen Freund in traditionelle Gewänder am Flussufer bei Sonnenuntergang – ICM Fotografie Kolkata Schleier des Lichts von Marion Rockstroh-Kruft

Kolkata: Schleier des Lichts
Eine Stadt, die sich nicht zeigt, sondern spüren lässt

Kolkata ist keine Stadt, die sich erklären lässt. Sie ist laut und dicht, voller sozialer Brüche und gleichzeitig durchdrungen von einer Spiritualität, die sich in jeden Winkel schiebt. Wer hier durch die Straßen läuft, spürt:
etwas zieht sich unter der Oberfläche durch. Eine Energie, die nicht sichtbar ist, aber spürbar.

Diese Serie entstand im November 2023. Zehn  Fotografien, aufgenommen mit Intentional Camera Movement in Schwarz-Weiß.
Keine gestellten Szenen, keine Inszenierungen. Momente, die sich angeboten haben. Manche in Sekunden, manche nach stundenlangem Gehen durch Viertel, die im nächsten Augenblick schon wieder anders waren.

Das Licht in Kolkata ist kein dekoratives Element. Es ist Kraft, Schutzversprechen, manchmal fast Bedrohung.
In den Fotografien dieser Serie wird es zur Metapher für das, was Menschen trägt:
Glaube, Hoffnung, das Aufbegehren gegen schwere Verhältnisse.
Und für das, was sie verbindet, auch dann, wenn sie sich gar nicht gegenseitig wahrnehmen.

Die Serie gliedert sich in drei Kapitel.
Das erste folgt der Stadt selbst: ihren Strukturen, ihrer Geschichte, der Art, wie sich alt und neu ineinanderfalten.
Das zweite richtet den Blick auf die Menschen, auf flüchtige Begegnungen und das stille Drama des Alltags.
Das dritte geht ins Unsichtbare: Gebet, Natur, die dunkle Seite dessen, was bleibt.

Die Reihenfolge der Bilder folgt keiner Chronologie. Sie folgt dem Licht.

Kapitel I.
Die Stadt

Kolkata trägt seine Geschichte sichtbar. Brücken, die soziale Grenzen markieren, die sie gleichzeitig überbrücken. Industriekulissen, die sich im Wasser spiegeln und dabei zu etwas anderem werden. Eine Skyline, die keine ist.
Diese drei Bilder beginnen dort, wo die Stadt aufhört, Kulisse zu sein, und anfängt, zu sprechen.

Brücke der Reichen

Die Howrah-Brücke verbindet zwei Teile der Stadt.
Historisch trennte sie, was sie überbrückt: auf der einen Seite die Kolonialherren, auf der anderen die Viertel ihrer Angestellten.
Diese Teilung hat sich verschoben, aber nicht aufgelöst. Wer heute über die Brücke geht, bewegt sich durch eine Stadt, die ihre sozialen Brüche offen trägt.
Im Bild wird die Brücke zur Linie zwischen Hell und Dunkel. Was sie verbindet und was sie trennt, lässt sich nicht klar auseinanderhalten.

Rikscha-Traum

Auf einer belebten Straße bewegt sich ein Rikscha-Zieher durch die Menge. Jemand geht auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Beide nehmen einander nicht wahr. Durch die Bewegung der Kamera verschmelzen ihre Körper zu einer Figur. Zwei Leben, die sich im Rhythmus der Stadt kurz berühren, ohne sich zu kennen.
Was in der Fotografie als Einheit erscheint, war in der Wirklichkeit Zufall. Solche Zufälle entstehen in Kolkata ständig.

VERKAUFT

Stille Skyline

Pfähle stehen im Wasser, dahinter ein Fähranlieger und Industriegebäude. Die Hochhäuser der Stadt, Ruinen und gepflegte Fassaden spiegeln sich und fließen ineinander.
Was wie eine Skyline wirkt, ist keine. Und doch ist alles da, was eine Stadt ausmacht: Verfall, Aufbau, das Nebeneinander von Zeiten.
Der Ort selbst ist unscheinbar. Im Bild wird er zum Verdichtungspunkt einer ganzen Stadt.

Kapitel II.
Die Menschen

In den Straßen von Kolkata berühren sich Leben ständig, ohne sich zu begegnen. Ein Moment der Ausrichtung, ein Blick, eine Geste.
Und schon ist er wieder vorbei.
Diese vier Bilder folgen den Menschen, die sich durch die Stadt bewegen: allein, zusammen, manchmal ohne zu wissen, dass sie gerade Teil von etwas Eigenem sind.

Fremde im Gleichklang

Zwei junge Menschen gehen durch die Straßen, Fremde, die die Kamerabewegung für einen Moment zusammenbringt.
Ihre Konturen lösen sich auf, das Licht im Hintergrund gibt ihnen etwas Unwirkliches. Für die Dauer des Bildes sind sie untrennbar.
Was aus dieser Begegnung folgt – Annäherung oder Gleichgültigkeit – lässt das Bild offen.

Ich bin größer

Nacht. Ein abgeschiedener Platz mitten im Trubel.
Ein Junge steht auf einer Leiter und greift nach etwas, das außerhalb des Bildes liegt. Eine junge Frau in weißer Kleidung steht mit dem Rücken zu ihm, in sich gekehrt.
Zwei Bewegungen, die nichts miteinander zu tun haben und im Bild dennoch in Dialog treten.
Der Junge greift hinauf. Sie bleibt, wo sie ist. Beides hat seine Würde.

Dem Licht entgegen

Ein junger Mann geht auf einen Lichtschein zu. Ich fotografierte gerade etwas anderes, als ich spürte, dass hier etwas war.
Ich drehte mich um und löste aus. Wo er herkam und wohin er ging, weiß ich nicht.
Im Bild geht er ins Licht. Das scheint zu genügen.

Drei Könige

Bei Sonnenuntergang am Flussufer kleiden junge Menschen einen ihrer Freunde in traditionelle Gewänder. Das Wasser hinter ihnen reflektiert das schwindende Licht.
Die Szene hat etwas von einem Aufbruch zu einer Reise, deren Ziel nicht bekannt ist.
Kulturelle Tradition und Gegenwartsmoment überlagern sich hier ohne Anstrengung. Was bleibt, ist die Frage, wohin diese Reise führt.

Kapitel III.
Da Unsichtbare

Manche Dinge in Kolkata lassen sich nicht fotografieren, weil sie sich entziehen. Und manche zeigen sich gerade deshalb, weil man aufgehört hat, sie zu suchen.

Diese drei Bilder gehen dorthin, wo das Licht aufhört, ein physisches Phänomen zu sein.

Gebet aus Licht

In einer Moschee steht eine Frau in Kleid und Kopftuch vor einem Schrein. Das Licht des Schreins ist so intensiv, dass es sie fast auflöst.
Die Grenze zwischen ihr und dem, wovor sie betet, wird im Bild unscharf.
Glaube als körperliche Erfahrung. Das ist es, was hier zu sehen ist.

Der Arm des Teufels

Jenseits des Blumenmarkts, am Flussufer hinter der Howrah-Brücke, waschen arme Menschen sich und ihre Habseligkeiten im trüben Wasser.
Das Foto zeigt den Umriss eines Arms, eines Kopfes. Die Komposition lässt etwas anderes entstehen: als würde eine Hand aus dem Dunkel reichen, scheinbar helfend, scheinbar hebend.
Ob diese Hand hält oder festhält, bleibt unbeantwortet.

Augentanz

Im Acharya Jagadish Chandra Bose Botanischen Garten treiben Seerosenblätter auf dem Wasser. Ihre kreisrunde Symmetrie wirkt wie Augen.
Durch die Kamerabewegung geraten sie in Schwingung, halb geöffnet, halb geschlossen, als würden sie träumen oder meditieren.
Mitten in der Stadt: ein Moment, der nichts von dem Trubel der Stadt spüren lässt.

Verfügbare Werke

Alle zehn Fotografien sind als limitierte Originaldrucke erhältlich.

Jedes Werk existiert in einer Auflage von 1/1 zuzüglich maximal 2 Artist Editions. Mindestgröße 80 cm lange Kante, Druck auf musealen Trägermaterialien durch WhiteWall.

Preise ab 850 €, individuelle Beratung und Anfertigung auf Anfrage.

Auszeichnungen

Arles OFF 2024
Beyond the Surface

Das Werk Rikscha-Traum war Teil der internationalen Gruppenausstellung
Beyond the Surface,
kuratiert von ProfiFoto
Arles, Juli 2024.
Mehr Infos dazu hier

The Stage Galerie Bonn
Monochrome

Das Werk Rikscha-Traum war Teil der Gruppenausstellung Monochrome, The Stage Galerie, Bonn.
Mai/Juni 2025
Mehr Infos dazu hier

Zur Technik

Alle Bilder dieser Serie entstanden durch Intentional Camera Movement (ICM):
einer Technik, bei der die Kamera während der Belichtung bewusst bewegt wird.

Die Bewegung ist nicht Zufall, sondern Reaktion: auf das Licht, auf den Rhythmus einer Szene, auf das, was sich in einem Moment anbietet.

Die Entscheidung für Schwarz-Weiß ist inhaltlich begründet. Farbe hätte in Kolkata abgelenkt , denn die Stadt ist visuell überwältigend.
Schwarz-Weiß zwingt zum Wesentlichen: Licht, Form, das, was zwischen Menschen geschieht.

Was du siehst, entstand im Moment der Aufnahme. Keine digitale Nachbearbeitung des  Bewegungseffektes.

Kolkata lässt sich nicht abschließen. Die Stadt geht weiter, die Momente gehen weiter.

Diese zehn Fotografien sind kein Fazit, sie sind ein Ausschnitt aus etwas, das größer ist als das, was eine Kamera fassen kann.

Beobachte, was du siehst und spürst.