Ein Pilgerweg.
88 Tempel.
Zwei Reisen.
18 Fotografien, die nicht zeigen, was der Weg ist, sondern was er hinterlässt.
Shikoku ist nicht das Japan, das die meisten vor Augen haben. Die kleinste der vier japanischen Hauptinseln ist rau, still und tief in sich verwurzelt.
Seit Jahrhunderten laufen Pilger ihren 88-Tempel-Weg, nicht als Touristen, sondern als Suchende.
Ich bin ihn in zwei Etappen gegangen: 2025 und 2026, allein, mit Rucksack, zum ersten Mal in meinem Leben. Zusammen knapp 950 Kilometer.
Was der Weg gibt, ist nicht ausschliesslich Trost. Er gibt Kollision.
Eine goldene Flamme neben einem Drachen auf einem Tempeldach. Eine einzelne Figur steigt eine Steintreppe in die Stille. Ein Tunnel an der Südküste biegt aus dem Sichtfeld, Licht fällt in präzisen Abständen durch seine offene Seite.
Diese Bildsprache entstand nicht auf dem Weg. Sie entstand danach, beim Arbeiten am Buchprojekt zwischen den beiden Etappen, als klar wurde, dass die Spannung zwischen den zwei fotografischen Ansätzen genau das spiegelt, was der Weg selbst trägt:
das Fließende und das Feste, das Spirituelle und das brutal Reale.
Die Serie zeigt 18 Werke, Einzelbilder, Diptychen und Triptychen, in einer Reihenfolge, die nicht chronologisch ist.
Sie folgt dem Rhythmus des Weges selbst: Aufbruch, Unterbrechung, Weitergang.
Manche Orte tragen mehr als man auf den ersten Blick sieht. Schleier aus Licht, Gestalten vielleicht, oder was von ihnen übrig bleibt. Ihre Linien führen hinüber in die kahlen Äste eines Tempelgartens, als würden zwei Welten denselben Atemzug teilen.
Eine Frau steigt eine moosbewachsene Steintreppe hinauf, Stufe für Stufe, ohne Eile. Sie kennt diesen Weg.
Was uns hier vorausging, und wer noch geht, wenn wir längst weitergezogen sind, bleibt offen.
An einem Schrein am Wegrand tritt eine Gestalt aus Stein und Bewegung hervor. Die Kamera hat sie nicht festgehalten, sie hat sie befreit.
Etwas an dieser Figur weicht nicht zurück. Sie ist nicht dekorativ, sie ist da. Seit wann, lässt sich nicht sagen.
Auf Shikoku stehen solche Orte still, während alles um sie herum geht und kommt.
Räucherstäbchen verbrennen, ihre Linien steigen hoch und lösen sich auf, bevor man sie festhalten kann.
Ein abgelegener Tunnel an der Küste zieht seine präzise Kurve durch Beton und Ruhe.
Zwei Orte, die nichts miteinander zu tun haben, und doch sprechen sie dieselbe Sprache. Das Heilige sucht man auf diesem Weg nicht. Es findet einen.
Auf Shikoku betritt man nicht einfach einen Tempel, man kommt an.
Der Weg bleibt draußen, die Schritte werden langsamer. Kein Gesicht, kein Name, nur diese Ruhe, die sich einstellt, wenn man einen Moment innehält.
Nicht das Ziel trägt, sondern das Gehen.
Shikoku schützt sich. Die massiven Betonklötze am Ufer stemmen sich gegen die Brandung, wuchtig, ohne Anmut.
Und doch stehen sie dort, wo auch die Pilger gehen, wo Licht in Tempelräume fällt und Gräser im Wind stehen.
Man läuft daran vorbei und fragt sich nicht warum. Man nimmt es so an, wie die Insel es anbietet:
ohne Entschuldigung, ohne Erklärung.
Wer nicht aufschaut, läuft vorbei. Der Wegweiser im Bambuswald zeigt eine Richtung, das ist seine Aufgabe.
Die geflochtenen Bänder im Tempel sind Gesten der Verbundenheit. Eine Geste in eine Richtung, die kein Wegweiser zeigt.
Auf Shikoku lernt man irgendwann, beides zu sehen.
Der Drache am Dachrand ist kein Wächter. Er ist Bewegung, die erstarrt ist und trotzdem nicht stillsteht.
Was ihm vorausgeht, lodert.
Was nach ihm kommt, bindet.
Ein anderes Zeichen, derselbe Impuls.
Es gibt Momente im Tempel, in denen man nicht sicher ist, ob man beobachtet oder teilnimmt.
Ein Zug an der Quaste, und der Gong spricht. Der Raum öffnet sich. Was hier geschieht, ist älter als die Wände, die es umschließen.
Man tritt ein, und der Raum heißt einen willkommen, in sich gekehrt und offen.
Man merkt es nicht sofort. Aber irgendwann ist man angekommen, mitten im Gehen.
Das Wasser, das fließt, wohin man auch geht.
Der Bambus, der sich im Wind wiegt und nicht nachgibt.
Der Gefährte, der einen begleitet, schweigend, seit dem ersten Schritt.
Nichts davon drängt. Der Weg trägt.
Es war kein besonderer Ort. Eine große Straße, Asphalt, Lärm.
Und dann dieses Gras, direkt daneben, tanzend im Wind.
Hell gegen dunkel, zart gegen fest.
Der Weg hatte in diesem Moment nichts Heiliges zu bieten. Nur dieses Gras.
Fast an jedem Tempeltor steht er. Ein Wächter, die Geste erhoben, unmissverständlich.
Man gewöhnt sich daran, läuft vorbei.
Bis er einen eines Tages direkt anspricht. Was er verlangt, ist nicht viel.
Nur das Innehalten, bevor man eintritt.
Woher etwas kommt, was es ausgelöst hat, was davon bleibt.
Der Weg hat kein Ende, das man sehen kann.
Jeden Schritt auf dem Pilgerweg geht man für sich. Aber ist man deshalb allein?
Am Wegrand stehen Figuren, still, wartend. Eine stumme, immerwährende Begleitung.
Der Einzelne fügt sich ein in etwas Größeres, das schon immer da war.
Man geht und wird gegangen.
Die Bäume stehen in Reihe und geben nichts preis.
Wer nur geht, sieht die Schildkröte in der Mauer nicht. Sie ist dort, seit langem, ohne Eile.
Der Weg lehrt irgendwann, langsamer zu werden.
Was sich ablagert, was sich wölbt, was sich wiederholt.
Brücken sind nicht nur aus Stein.
Es gibt Augenblicke auf dem Weg, in denen man spürt, dass etwas in Bewegung geraten ist.
Nicht die Schritte, die man geht. Etwas weitaus Tieferes.
Das Unterwegs-Sein ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der weiterläuft, lange nachdem man den letzten Schritt getan hat.
Das letzte Bild.
Kein Abschluss, kein Ankommen.
Nur dieses eine Zeichen im Nebel, das sendet, ohne zu wissen, wer empfängt.
Der Weg geht weiter, auch wenn man aufgehört hat zu gehen.
Alle 18 Fotografien sind als limitierte Originaldrucke erhältlich. Einzelbilder und Triptychons. Jedes Werk existiert in einer Auflage von 1/1 zuzüglich maximal 2 Artist Editions.
Mindestgröße 80 cm lange Kante, Druck auf musealen Trägermaterialien durch WhiteWall.
Preise ab 800 €.
Individuelle Beratung auf Anfrage.
Shikoku . Verwobene Welten
The Pier Mainz, Mainz
Mai – August 2026
7 Werke der Serie.
Rencontres de la Photographie, Arles OFF 2026
Galerie Les Murs Blancs
Juli 2026
im Rahmen einer Gruppenausstellung von ProfiFoto
2 Werke der Serie.
Die Serie verbindet zwei fotografische Ansätze, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Intentional Camera Movement mit optischen Filtern löst das Konkrete auf, lässt Bewegung sichtbar werden, wo das Auge längst weitergegangen ist.
Klassische Schwarzweißfotografie hält fest, was der Moment trägt:
Form, Licht, Stille.
Diese Kombination war nicht von Anfang an geplant. Sie entstand beim Arbeiten am Buchprojekt zwischen den beiden Pilgeretappen, als klar wurde, dass erst das Nebeneinander beider Ansätze zeigt, was Shikoku wirklich ist.
Alle Bilder entstanden in der Kamera. Keine digitale Nachbearbeitung der Bewegung.
Was du siehst, entstand im Moment der Aufnahme.
Parallel zur Serie entsteht ein Künstlerbuch zu Shikoku, in Zusammenarbeit mit Wolfgang Zurborn.
Es kombiniert ICM-Fotografie und klassische Schwarzweißfotografie und entwickelt die Bildsprache der Serie weiter.
Erscheint 2026.
Jedes Werk ist ein Fragment.
Zusammen bilden sie eine Welt, die sich nicht als Ganzes zeigt.
Man geht durch sie durch, nicht darüber hinweg.
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